Wahrnehmung des langfristigen Biodiversitätsverlusts – das Konzept der Shifting Baselines

Abstract ID: 3.41
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Haidvogl, G. (1)
Schmid, M. (2)
(1) Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement, BOKU University, Gregor-Mendel-Straße 33, 1180 Wien
(2) Institut für Soziale Ökologie, BOKU University, Schottenfeldgasse 29, 1070 Wien
How to cite: Haidvogl, G.; Schmid, M.: Wahrnehmung des langfristigen Biodiversitätsverlusts – das Konzept der Shifting Baselines, #TDB27-3.41
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Keywords: Shifting Baseline Syndrome, Wahrnehmung, Biodiversitätsverlust, Historische Biodiversität, Fließgewässer
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Der Meeresbiologe Daniel Pauly hat 1995 mit dem „Shifting Baseline Syndrome“ (SBS) erstmals darauf hingewiesen, dass die Einschätzung, was ein intaktes Ökosystem auszeichnet, selbst bei Wissenschaftler:innen stark durch eigene Erfahrung und Wahrnehmung geprägt ist. Parallel zum Biodiversitätsverlust des 20. Jahrhunderts schätzten sie z.B. die für ein Ökosystem typische Anzahl an Arten immer geringer ein. Was Pauly vor über dreißig Jahren noch als „Postskriptum“ im Zusammenhang mit einer für ihn relevanten Disziplin, der Fischereiwissenschaft, in der Zeitschrift „Trends in Ecology and Evolution“ publizierte, wurde seither durch wissenschaftliche Studien zu unterschiedlichen Organismengruppen, Ökosystemtypen und Umweltphänomenen, wie z.B. Meeresspiegelschwankungen, untersucht und belegt. Sozialwissenschaftlich orientierte Studien analysierten die Naturwahrnehmung verschiedener Generationen. Sie stellten fest, dass das SBS nicht nur eine Frage der tatsächlichen Degradierung der Umwelt ist, sondern auch eine der abnehmenden Naturerfahrung bei jüngeren Generationen.

Pauly wies bereits in seinem Grundlagenartikel darauf hin, dass historische Langzeitdaten nötig sind, um Shifting Baselines überhaupt zu erkennen; und er wies auch auf die Schwierigkeit der Zusammenführung historischer mit aktuell erhobenen Daten hin. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn historische Zustände werden oft nur auf Anekdoten gestützt und lassen sich nicht ohne Weiteres mit modernen quantitativen Freiland-Erhebungen vergleichen. Umweltgeschichte und sozial-ökologische Langzeitforschung (LTSER) haben genau dafür methodische und konzeptuelle Angebote entwickelt.

Frei nach Konrad Lorenz‘ Diktum, wonach „man nur schützt, was man auch kennt“, erweist sich das SBS von größter Bedeutung für Naturschutz und Restaurationsökologie, die insbesondere auch Jugendliche mit dem SBS vertraut machen muss. In diesem Zusammenhang gilt es, auch langfristig wirksame Phänomene wie Verzögerungseffekte bei Aussterberaten von Organismen, oder den Klimawandel und die Entstehung von sogenannten „novel ecosystems“ oder „no-analogue communities“ zu berücksichtigen.

Im Vortrag werden Shifting Baselines als Konzept und Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen dargestellt und anhand ausgewählter Beispiele zur Fließgewässerbiodiversität empirisch beleuchtet.

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