Die letzten ihrer Art: Südtirols Streuobstwiesen als Impuls für agrarökologischen Wandel
Abstract
In Südtirol, einem der größten Apfelanbaugebiete Europas, gehören traditionelle Streuobstwiesen zu den wenigen verblieben extensiv bewirtschafteten Agroforstsystemen. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts gingen mehr als 95 % ihrer Fläche verloren: von über 6,300 ha in den 1950er-Jahren auf rund 296 ha im Jahr 2020. Viele der verbliebenen Bestände sind fragmentiert und auf steilere Hanglagen zurückgedrängt.
Obwohl der ökologische und kulturelle Wert von Streuobstwiesen gut belegt ist, ist ihre Bedeutung in hoch spezialisierten Agrarlandschaften bislang nur teilweise verstanden. Wir untersuchen daher, unter welchen sozioökonomischen und kulturellen Bedingungen diese Restbestände zu einer agrarökologischen Transformation beitragen können. Der Beitrag verbindet eine räumlich-zeitliche Rekonstruktion des Landnutzungswandels mit Daten des Biodiversitätsmonitorings Südtirol sowie Ergebnissen aus den Projekten Baumgart und TRANSFOrm von Eurac Research. Dazu gehören Stakeholder-Mapping, Interviews mit Bewirtschaftenden und eine Umfrage zur Bewirtschaftung der Streuobstwiesen sowie deren Bewertungen von Ökosystemleistungen.
Der Rückgang steht in engem Zusammenhang mit landwirtschaftlicher Modernisierung, der Intensivierung des Obstbaus, der Trennung von Obst- und Futternutzung sowie stark gebündelten Vermarktungsstrukturen. Zusätzlich benachteiligen hohe Bodenpreise und standardisierte Exportproduktion Hochstammsysteme. Die verbliebenen Bewirtschaftenden erhalten ihre Streuobstwiesen vor allem aus familiärer Kontinuität, Verbundenheit mit dem Land, Verantwortungsgefühl und Interesse an traditionellen Sorten. Daten des Biodiversitätsmonitorings zeigen zugleich, dass das kleinräumige Mosaik aus Bäumen und Grünland in mehreren Artengruppen eine höhere Vielfalt aufweist als intensiv bewirtschaftete Obstanlagen, insbesondere bei Tagfaltern, Heuschrecken und Gefäßpflanzen. Die Bestände bieten wichtige Lebensräume und bewahren mit Sorten wie der Pala- und Ferchbirne genetische Ressourcen.
Der Südtiroler Fall verdeutlicht die Diskrepanz zwischen ökologischer und kultureller Bedeutung und wirtschaftlicher Marginalität. Das Transformationspotenzial der Streuobstwiesen liegt darin, Produktion, Kulturerbe, lokale Ernährungssysteme und Habitatfunktionen wieder miteinander zu verbinden. Dafür müssen ihre vielfältigen Leistungen wirtschaftlich aufgewertet und durch Beratung, institutionelle Förderung und langfristig verlässliche Rahmenbedingungen abgesichert werden.
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